Programm - Freitag, 30. Januar 2004
| 12.00–12.10 | Begrüßung Gabriele Diewald (Universität Hannover) |
| 12.10–13.10 | Some issues in grammaticalization theory Christian Lehmann (Universität Erfurt) |
| 13.10–14.10 | Grammatikalisierung und Subjektivierung: Traugott & Langacker revisited Tanja Mortelmans (Universität Antwerpen) |
| 14.10–14.30 | Kaffeepause |
| 14.30–15.30 | Verstärkungsprozesse. Für eine Theorie der Sekretion und der formalen und semantischen Anreicherung Rüdiger Harnisch (Universität Oldenburg) |
| 15.30–16.30 | Die Grammatikalisierung von Reflexivpronomen Elisabeth Leiss (Ludwig-Maximilians-Universität München) |
| 16.30–16.50 | Kaffeepause |
| 16.50–17.50 | Vom Zusammenspiel zwischen Syntax und Semantik in Grammatikalisierungsphänomenen: der Fall von 'schon' Gisella Ferraresi (Universität Hannover) |
| 17.50–18.50 | Die Grammatikalisierung der Präfixverben im Althochdeutschen und ihre Entsprechungen im Altenglischen Mechthild Habermann (Universität Erlangen) Ilse Wischer (Universität Potsdam) |
| 18.50–19.00 | Schlusswort Gabriele Diewald (Universität Hannover) |
Abstracts
Some issues in grammaticalization theory
Christian Lehmann (Universität Erfurt)
This paper reviews a couple of theoretical issues in research in grammaticalization, including in particular the relationship of grammaticalization to
- the synchrony/diachrony contrast,
- unidirectionality and degrammaticalization,
- lexicalization,
- analogy,
- reanalysis,
- emergence of grammar,
- language activity.
There are misunderstandings, both in the grammaticalization and in the anti-grammaticalization literature, of each of these issues. Grammaticalization, if construed appropriately, comprises a homogeneous set of phenomena and therefore remains a unified field of research and a worthy object of a linguistic theory.
Grammatikalisierung und Subjektivierung: Traugott &Langacker revisted
Tanja Mortelmans (Universität Antwerpen)
Auf den Prozess der Subjektivierung (‘subjectification’) wird in der Grammatikalisierungsforschung oft zurückgegriffen: Die Entwicklung des Modalverbs must im Englischen (vgl. Traugott/Dasher 2001), der be going to-Konstruktion (vgl. Traugott/Dasher 2001, Langacker 1991), der (epistemischen) Bedeutung der Verben promise/ threaten (Traugott 1996), des Hilfsverbs geben als Passivmarker im Luxemburgischen (vgl. Gaeta, demn.) oder der portugiesischen ‘Abtönungspartikel’ pois (vgl. Pinto de Lima 2002) wird von den jeweiligen Autoren sowohl im Sinne eines Grammatikalisierungs- als auch im Sinne eines Subjektivierungsprozesses beschrieben. Dabei kommen mit dem heutigen Stand der Forschung zwei Fragen auf.
Zum einen wird Subjektivierung bekanntlich unterschiedlich definiert. Wohl am einflussreichsten dürften die Subjektivierungs-auffassungen von Traugott (1989, 1995) einerseits, und die von Langacker (1991, 1999) andererseits sein. Nach Traugott liegt Subjektivierung vor, wenn ein Ausdruck "more personal" wird, d.h. "more anchored in the context of the speech act, particularly the speaker’s orientation to situation, text, and interpersonal relations" (Traugott 1982: 253). Langacker seinerseits betrachtet Subjektivierung als einen Prozess, wobei Bedeutungsaspekte einerseits im sog. ground ("the speech events, its participants, and its imme-diate circumstances" Langacker 1991: 548) verankert werden, dieser ground andererseits nicht auf der sprachlichen Bühne erscheint, d.h. mit maximaler Subjektivität konstruiert wird. Sowohl Langacker als auch Traugott betonen gleichzeitig die grundsätz-liche Unterschiedlichkeit ihrer Subjektivierungskonzepte (Langacker 1999: 393, Traugott/Dasher 2001: 97-98), wenn sie auch eine gewisse Kompatibilität nicht ausschließen: "Traugott’s version of subjectivity and my own will both figure in an overall account of grammaticization" (Langacker 1999: 394). In meinem Beitrag möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern beide Ansätze tatsächlich miteinander kompatibel sind und welches der beiden Subjektivierungskonzepte sich zur Beschreibung von Grammatikalisierungsprozessen am besten eignet. Als konkreter Kasus wird das deutsche Verb werden untersucht, das sich im Deutschen zwar zum Hilfsverb des Futurs grammatikalisiert hat, aber einen beträchtlich geringeren Grammatikalisierungsgrad aufweist als sein englisches Pendant will.
Anschließend sollte auch untersucht werden, ob ‘Subjektivierung’ (à la Langacker bzw. à la Traugott) eher als Epiphenomen von (ganz bestimmten) Grammatikalisierungsprozessen zu deuten ist oder aber ob dem Subjektivierungsprozess im Rahmen der Grammatikalisierung eine grundlegendere Rolle zugeschrieben werden soll. Wichtig für diese Fragestellung ist die Beobachtung, dass Grammatikalisierung an sich als "Instanz der Prototypikalität" (Barth-Weingarten & Couper-Kuhlen 2002) betrachtet werden kann, wobei ‘typischere’ Grammatikalisierungsprozesse (etwa die Entwicklung eines Vollverbs zu einem Hilfsverb) sich dem Subjektivierungsprozess gegenüber anders verhalten als ‘weniger typische’ Grammatikalisierungsprozesse (etwa die Entstehung von Diskursmarkern, vgl. Günthner & Auer, demn.).
Literatur:
- Auer, Peter & Susanne Günthner (demn.). Die Entstehung von Diskursmarkern im Deutschen – ein Fall von Grammatikalisierung? In Torsten Leuscher & Tanja Mortelmans (eds.), Grammatikalisierung im Deutschen. Berlin: Mouton de Gruyter.
- Barth-Weingarten, Dagmar & Elizabeth Couper-Kuhlen (2002).On the development of final though: A Case of Grammaticalization? In Ilse Wischer & Gabriele Diewald (eds.), New Reflections on Grammaticalization, 363-378. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins.
- Gaeta, Livio (demn.). Hilfsverben und Grammatikalisierung. Die fatale Attraktion von geben. In: Torsten Leuscher & Tanja Mortelmans, eds., Grammatikalisierung im Deutschen. Berlin: Mouton de Gruyter.
- Langacker, Ronald W. (1999). Grammar and Conceptualization. Berlin/New York: Mouton de Gruyter.
- Langacker, Ronald W. (1991). Foundations of Cognitive Grammar. Volume II. Descriptive application. Stanford: Stanford University Press.
- Pinto de Lima, Jose (2002). Grammaticalization, subjectification and the origin of phatic markers. In Ilse Wischer & Gabriele Diewald (eds.), New Reflections on Grammaticalization, 363-378. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins.
- Traugott, Elizabeth Closs (1982). From propositional to textual and expressive meanings: Some semantic-pragmatic aspects of grammaticalization. In Winfred P. Lehmann & Yakov Malkiel (eds.), Perspectives on Historical Linguistics, 245-271. Amsterdam: John Benjamins.
- Traugott, Elizabeth Closs (1996). Subjectification and the development of epistemic meaning: The case of promise and threaten. In: Toril Swan & Olaf Jansen Westvik (eds.), Modality in Germanic Languages, 185-210. Berlin: Mouton de Gruyter.
- Traugott, Elizabeth Closs (1995). Subjectification in grammaticalisation. In Dieter Stein & Susan Wright (eds.), Subjectivity and subjectivisation. Linguistic perspectives, 31–54. Cambridge: Cambridge University Press.
- Traugott, Elisabeth C. (1989). On the Rise of Epistemic Meanings in English: An Example of Subjectification in Semantic Change. Language 65.1: 31–55.
- Traugott, Elizabeth Closs & Richard B. Dasher (2001). Regularity in semantic change. Cambridge Cambridge University Press.
Verstärkungsprozesse. Für eine Theorie der Sekretion und der formalen und semantischen Anreicherung
Rüdiger Harnisch (Universität Oldenburg)
In den letzten Jahren ist immer wieder mal versucht worden, in den Grammatikalisierungskanälen (Lehmann 1982) gegen die Strömungsrichtung zu schwimmen (Ramat 1992 bis jüngst van der Auwera 2002). Auch Lehmann hat sein ursprünglich eindimensionales Modell mit den zwei gegengerichteten Prozessen der "Grammatikalisierung" und "Lexikalisierung" (1989) um zwei weitere Vorgangstypen zu einem zweidimensionalen aus und das Modell gleichzeitig umgebaut (2002). Gemeint sind die Vorgänge der "Degrammatikalisierung", die nunmehr die Grammatikalisierung spiegelt, und der "Volksetymologie", die der Lexikalisierung entgegengerichtet ist.
In diesen zweidimensionalen Rahmen mit seinen jeweils in beide Richtungen begehbaren Skalen ist auch der Gegenstand der vorliegenden Untersuchung eingespannt. Es geht um Statusanhebungen/-minderungen auf der (De-)Grammatikalisierungs- Skala mit ihren unterschiedlichen sprachlichen Ebenen, verbunden mit Re-/Desegmentierungen auf der (De-) Lexikalisierungs-Skala mit ihren unterschiedlichen Komplexitätsgraden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Prozesse gelegt, die in Richtung der Degrammatikalisierung und der Delexikalisierung gehen. Die Umkehrprozesse dienen nur als Kontrastfolie. Diese Schwerpunktsetzung erscheint insofern gerechtfertigt und auch geboten, als den Abschwächungs-, Verschmelzungs- und Demotivierungsprozessen - des viel größeren Vorkommensumfangs wegen? - immer noch mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als den - eher seltenen - Vorgängen der Verstärkung, (Re-)Strukturierung und (Re-)Motivierung. Der "volksetymologischen" Ecke in Lehmanns Rahmen, also der sekundären semantischen Motivierung mit analytisch-transparenten Produkten aus holistisch-opaken Gebilden, gilt das Hauptinteresse des vorliegenden Beitrags.
Benutzt wird Evidenz aus dem Sprachwandel einschließlich dialektaler Entwicklungen und - ebenfalls sprachlicher Dynamik unterworfen und deshalb zum Teil homolog mit ihm - dem Spracherwerb. Morphologische Reanalysen der angesprochenen Art stehen im Mittelpunkt (unser > uns-er : uns-e : uns-es; Hammer > Hamm-er : hamm-en), doch werden - nach unten - auch morpho-phonologische Erscheinungen (Arm > *Arb-en : Ärb-el ‘Ärmel’; Crem > *Creb-en : [ein]creb-en ‘eincremen’) und - nach oben - auch morpho-syntaktische mitein-bezogen (Kompott > guten Pott).
Den Hintergrund für solche Vorgänge bildet die Markiertheitstheorie. Nach ihr werden transparente (statt opake) und konstruktionell ikonische Gebilde mit bi-unikem Verhältnis zwischen formaler Merkmalhaltigkeit und semantischer Markiertheit bevorzugt - eine Beziehung, die nicht nur den Ausdruck von Inhalten verlangt, sondern, wie hier, auch formale Substanz mit Inhalten belegt, die sie vorher nicht trug. Abschließend wird die Notwendigkeit einer "Sekretions"-Theorie begründet, wie sie Jespersen (1925) als Komplement der schon damals ausgebauten "Verschmelzungs"-Theorie gefordert hatte, und gezeigt, dass im Wandelmodell von Lüdtke (1988) nicht nur ein mächtiger Zyklus von "Schrumpfung - Anreicherung - Verschmelzung - Schrumpfung - ..." abläuft, sondern sich auch Kräfte der "Entschmelzung", wenn auch weniger mächtig, in die Gegenrichtung drehen und "Zuwachs" (statt Schrumpfung) schaffen.
Die Grammatikalisierung von Reflexivpronomen
Elisabeth Leiss (Ludwig-Maximilians-Universität München)
Die Grammatikalisierungsforschung hat gezeigt, dass Sprachwandel unidirektional und nicht-arbiträr erfolgt. Sie hat evident gemacht, dass scheinbar homonyme Formen motiviert und durch einen Grammatikalisierungspfad miteinander verbunden sind (wie z.B. die verschiedenen Lesarten von Präpositionen und Konjunktionen). Ziel meines Beitrags ist es zu zeigen, dass das Erklärungspotential von vermeintlichen Homonymien noch nicht vollständig ausgeschöpft ist. Das soll am Beispiel der Grammatikalisierung von Reflexivpro-nomen demonstriert werden. Um der reflexartigen Arbitraritätsaxiomatik, mit der wir alle mehr oder weniger stark sprachwissenschaftlich sozialisiert worden sind, wenigstens ansatzmäßig zu entkommen, wird methodisch zunächst eine Perspektive der Naivität eingenommen. Diese Perspektive ermöglicht es, die auf den ersten Blick absurd erscheinende Hypothese aufzustellen, dass sich das Reflexivpronomen sich dekomponieren lässt in s + ich. Es wird die These aufgestellt, dass das Segment ich nicht zufällig formengleich mit dem Pronomen der 1. Person Nominativ Singular ist. Die Inakzeptabilität dieser naiven Analyse besteht darin, dass ein morpheminterner, scheinbar willkürlich herausgegriffener Ausschnitt als Segment mit einer eigenen Funktionalität postuliert wird und dass außerdem ein bedeutungsloses Restsegment erhalten bleibt, das ebenfalls keinen Morphemstatus hat. Natürlich müsste man eine solche "Methode" sofort verwerfen. Doch wie sollen wir die Beobachtung einschätzen, dass man mit demselben Verfahren auch in weiteren Sprachen ein Pronomen der 1. Person im Nominativ Singular extrahieren kann. So lässt sich beispielsweise das russische Reflexivpronomen sebja dekomponieren in seb + ja. Das russische Personalpronomen der 1. Person im Nominativ Singular ist ja. Das Ziel meines Beitrags ist es, plausibel zu machen, dass dieses Ergebnis keinen Zufallscharakter hat und einer funktionalen Erklärung zugeführt.
Vom Zusammenspiel zwischen Syntax und Semantik in Grammatikalisierungsphänomenen: der Fall von 'schon'
Gisella Ferraresi (Universität Hannover)
In gängigen Theorien über Grammatikalisierungsphänomene wird als eine der Haupteigenschaften dieser besonderen Art des Sprachwandels der Übergang eines Lexems von einer lexikalischen zu einer funktionalen Kategorie genannt. Dieser Wechsel findet (z.B. in Hopper & Traugott 1993) gewissermaßen in drei Phasen statt, in denen ein lexikalisches item meistens durch pragmatische Verstärkung an zusätzlichem Informationsgehalt gewinnt, die dann in der zweiten Phase zu Polysemie führt, um schließlich entweder in Homonymie - nämlich im Falle, dass beide Bedeutungen koexistieren und das ursprüngliche Lexem je nach Bedeutung auch syntaktisch und oft phonologisch zwei unterschiedliche Verhalten zeigt - oder im Verschwinden der ersten Bedeutung zu enden (vgl. auch Diewald 1997). Dieser Vorschlag impliziert, dass dasselbe Element in der zweiten Phase gleichzeitig sowohl lexikal als auch funktional ist, was vor allem für generative Theorien zu prinzipiellen Problemen führt.
Ich möchte in meinem Beitrag vorschlagen, dass eine solche Laborunterteilung in lexikalische und funktionale Kategorien, die sicherlich eine psycholinguistische Realität hat, nur eine kategorielle Unterscheidung ist, die sich aus der sprachlichen Realisierung ergibt. Funktionale Elemente dienen den referentiellen lexikalischen Elementen als syntaktische Verknüpfer, d.h. der syntaktische Kontext bestimmt, ob ein Element als [+funktional] spezifiziert wird.
(Diese Möglichkeit der Unterspezifizierung ist in anderen grammatischen Bereichen keineswegs unbekannt. In der Morphologie des Englischen z.B. ist das Morphem -ed unterspezifiziert bezüglich Partizip Perfekt oder Passiv). Mit dem beschriebenen Prozess geht ein semantischer Wandel einher, der aus einem clash zwischen dem semantischen Inhalt des Lexems und dem des syntaktischen Kontextes hervor geht (vgl. Diewald 2003).
Am Beispiel der deutschen Modalpartikel schon möchte ich zeigen, dass die Syntax als ein Wagen dient, der den Passagier Semantik von A nach B fährt; Indikator dafür sei, dass selbst Elemente, die sich wie schon als 'Pragmatikmarker' entwickelt haben, ihre Funktion nicht losgelöst von der Syntax realisieren können.