Wettbewerb - Das schönste Wort der Welt
Lieblingswort Gegenwart
von Gabriele Diewald
Gegenwart wurde in dem Moment zu meinem Lieblingswort, als ich mich aufgefordert sah, es gegen den Vorwurf der Hässlichkeit und Unmotiviertheit in Schutz zu nehmen. Anlass hierzu gab eine Bekannte romanischer Muttersprache mit der eher beiläufigen Bemerkung, das deutsche Wort Gegenwart sei ein sperriges, merkwürdiges Wort.
Im Gegensatz zu den Abkömmlingen des lateinischen praesentia, die in ihren Teilen genau die Bedeutung des Gemeinten zum Ausdruck brächten, fehle es der deutschen Gegenwart an jeglicher Klarheit.
Was bitte habe hier die Präposition gegen zu suchen?
Und was überhaupt bedeute das zweite Element -wart?
Sie kenne wohl einen Torwart, einen Burgwart, und - aber nur der Vollständigkeit halber - auch einen Blockwart, doch das könne ja doch nicht das -wart in Gegenwart sein.
Wenn sie es sich genau überlege, fuhr meine Bekannte - durch Nachfragen meinerseits in Fahrt gekommen - fort, wenn sie es sich genau überlege, sei Gegenwart ein geradezu hässliches, ja widerwärtiges Wort.
Man denke nur an seine Verwendung in Zusammensetzungen wie in Gegenwartsdeutsch:
-warts wie Warze!
Eine Zumutung für Nicht-Muttersprachler und Ästheten, das müsse ich doch eingestehen, oder etwa nicht?
Oh weh!
Deeskalationsstrategisch geschickt stimmte ich zu, modifizierte jedoch die vorgetragene Bewertung hin zu "schwierig" und "anspruchsvoll" und versprach Aufklärung.
Und dieser Mühe, Licht ins Dunkel der Gegenwart zu bringen, verdanke ich mein Lieblingswort. In den anschließenden Wörterbuchrecherchen, entpuppte sich Gegenwart als das, was mir nicht nur als Seiendes, sondern als Gewordenes entgegenkommt und gegenübertritt, wobei gerade das anstößige -wart, abgeleitet aus werden, letzteres wiederum verwandt mit lat. vertere 'drehen, wenden', der Gegenwart ihre dynamische, kreative Komponente verleiht.
"Ist doch schön, oder?" fragte ich meine Bekannte, zugegebenermaßen mit provokantem Unterton.
"Naja, okay, es ist nicht hässlich", erwiderte sie, "aber es ist ziemlich deutsch."